Mobile Immobilität

Bin ich jetzt ein Camper?

Wer mit vor gut einem Jahr gesagt hätte, dass ich einmal zum Camper werde, dem hätte ich in voller Überzeugung dringend einen Besuch beim Therapeuten nahegelegt. Heute fahre ich öfter einen Campingplatz an, um dort eine oder zwei Nächte zu bleiben. Bin ich deshalb jetzt ein Camper?

„Gott schütze uns vor Sturm und Wind und Campern, die keine Camper sind.“
(Redensart, Herkunft unbekannt)

20150705-Blog-01Bislang glaubte ich, dass ein Camper jemand sei, der regelmäßig campt. Doch wenn echte Camper Gottes Beistand erflehen müssen, um sich vor unechten Campern zu schützen, scheint es nicht ganz so leicht zu sein, ein echter Camper zu werden.

Doch wodurch zeichnet sich der echte Camper aus? Ist es die Art und Weise, wie er campt, oder spielen hier ganz andere Faktoren eine Rolle? Die Suche nach der Antwort auf diese Fragen hat mich zu einigen überraschenden Einsichten geführt.

Ausgangspunkt meiner Suche war natürlich das allwissende Orakel Wikipedia. Schnell wurde mir klar, dass Campen nicht gleich Campen ist. Es gibt Dauercampen, mobiles Campen, ja sogar Glamping. Kein Wunder, dass man bei dieser Vielfalt schnell den Überblick verliert.

Allen Formen des Campings scheint jedoch gemein zu sein, „nicht in Gebäuden zu übernachten, sondern die Zeit in der freien Natur oder auf – möglichst naturnahen – für das Campen vorgesehenen Einrichtungen zu verbringen“.

Ist also die Suche nach dem Naturerlebnis das, was einen echten Camper auszeichnet? Sind echte Camper etwa die letzten Naturburschen einer urbanisierten und technisierten Gesellschaft? Helden, die sich selbst und ihre Familien noch den Urgewalten der Natur aussetzen?

Wenn ich mich auf einem Campingplatz umschaue, kommen mir da doch erhebliche Zweifel. Und tatsächlich, mit Hilfe von Tante Google fand ich auch auf diese Fragen eine Antwort.

„Wir CAMPer sind uns einig. Vergangen die Zeiten, in denen wir, missverstanden vom Rest der Welt, mit dem kleinst möglichen Vielfachen unserer notwendigsten, unverzichtbarsten Habseeligkeiten verreisten. Materialsparmaßnahmen drücken sich heute nicht mehr allein in Qualität aus. Vielmehr war es einst die Tugend des Verzichtens, des Entbehrens, die den CAMPer zum CAMPer machte. Entschädigt durch das Erlebnis Natur überlistet sich der schlaue CAMPer heute selbst. Denn auch der Liebhaber der Natur, der Winde und des Meeres schreckt nicht vor innovativer Ausrüstung zurück. Warum auch? Auf Luxus braucht heute auch in freier Wildbahn niemand mehr verzichten, vorrausgesetzt er ist – faltbar oder klappbar – in jedem Fall klein komprimierbar.“
(Birgit Cakir, CAMPing CAMPing, 2006)

20150705-Blog-01-2Der Gedanke ist bestechend. Auch ich musste meinen Multivan erst weiter aufrüsten, um aus ihm ein echtes Reisemobil zu machen. Eine Kühlbox für kalte Getränke an heißen Tagen, eine faltbare Matratze für den ruhigen Schlaf, ein Heckzelt, um auch bei schlechtem Wetter kochen zu können und ohne meinen faltbaren Kaffeefilter wäre eine Reise ohnehin nicht denkbar. Alles wohl sortiert und an einem festen Platz verstaut, sind sie die existenziellen Grundlagen meines Campingdaseins.

Ist der echte Camper also derjenige, der die technologische Überlegenheit des Menschen über die Natur an immer neuen Orten unter Beweis stellt? Ist er gar die Krönung der Schöpfung, die an jedem Ort heimisch werden kann?

„Man kann es drehen und wenden wie man möchte, einmal aufgeschlagen bleibt die Mobilität einer IMmobilie immer die Idee ihrer Selbst. Doch allein die Möglichkeit, der Gedanke an die damit verbundene Freiheit reicht aus um CAMPerherzen zum schwärmen zu bringen.“
(Birgit Cakir, CAMPing CAMPing, 2006)

Wie jetzt? Der echte Camper ist immobil und bewegt sich nicht? Klar, nicht jeder will gleich am nächsten Morgen weiter ziehen. Aber warum sonst sollte ein Camper so großen Aufwand betreiben, seine Unterkunft mobil zu halten, wenn er diese Mobilität nicht nutzen will?

„Beweglichen Geistern sorgen mitgebrachte Räume und deren Einrichtung allerorts für Sicherheit und Halt, es geben ihnen häusliche Besitztümer aller Art das Gefühl in der Fremde daheim zu sein.
Aus sicherem Abstand und mit der notwendigen Distanz können sie sich, jederzeit fluchtbereit, vom bequemen Lehnstuhl aus auf das Neue, das Sonderbare, das Sehenswerte einlassen, ohne den direkten Bezug zum materialisierten Selbst zu verlieren.“
(Birgit Cakir, CAMPing CAMPing, 2006)

Soll das etwa heißen, dass echte Camper faul im Liegestuhl rumhängen und sich bei dem kleinsten Anzeichen von Gefahr in ihre vertraute Umgebung zurückziehen? Die Camper, denen ich bislang begegnet bin, würden diese Unterstellung weit von sich weisen. Ganz so hat es Birgit Cakir auch offensichtlich nicht gemeint. Und dennoch scheint es einen deutlichen Unterschied zu geben zwischen dem, was echte Camper selbst von sich glauben, und dem, wie sie nach außen wirken.

Matthias Baruda beschreibt diese Diskrepanz zwischen Selbstbild und Außenwirkung des echten Campers so:

„Das war deshalb der Fall, weil gemeinhin abgesprochen wird, was Camper selbst von sich behaupten: dass ihr Aufenthalt auf dem Campingplatz erlebnisreich und sogar aufregend sei. „Ich möchte mal wieder campen gehen, da erlebst du einfach mehr“, äußerte sich eine Gesprächspartnerin mir gegenüber. In der Außenwahrnehmung sind Camper träge und langweilen sich während sie untätig vor ihren Wohnwagen und Zelten sitzen. […]

Camping befriedigt somit das Bedürfnis nach zwei Dingen, die in der Alltagswelt eher verpönt sind. Dies sind die entspannte Untätigkeit sowie das Beobachten anderer Menschen und ihrer sozialen Interaktionen. […] Demnach langweilen sich Camper nicht, wenn sie sich bei vielen Gelegenheiten darauf beschränken, da zu sitzen und das Tagesgeschehen an sich vorüber ziehen zu lassen.“
(Matthias Badura, Camping als Urlaubsform, 2010)

Upps ertappt. Abends auf dem Campingplatz mit einem kühlen Getränk in der Abendsonne bequem im Klappstuhl sitzend das Treiben auf dem Gelände zu beobachten, das kann schon sehr entspannend sein. Doch ist dies wirklich kennzeichnend für den echten Camper?

„Ein weiterer entscheidender Aspekt des Campings sind Familiarität, Kameraderie und Nachbarschaftlichkeit. All das ist auf einem Campingplatz deutlicher vorhanden als im Alltagsleben. Was die Nachbarschaftlichkeit und Bereitschaft zur gegenseitigen Hilfe betrifft, ist sie in dieser Weise womöglich nicht einmal mehr in ländlich geprägten Räumen anzutreffen. Dabei muss all das nicht notwendig tiefgründig sein. Es handelt sich auch um Formeln und Gesten. Gleichwohl reichen Äußerlichkeiten und Spielhandlungen aus, um die Inszenierung der Theaterbühne Campingplatz für die Anwesenden wahrhaftig werden zu lassen.“
(Matthias Badura, Camping als Urlaubsform, 2010)

Oberflächliche Freundlichkeit und Nettigkeit auch damit kann ich bei Bedarf dienen. Und dennoch werde ich als Durchreisender auf dem Campingplatz wohl nie der erlesenden Gemeinschaft der echten Camper angehören. Scheint es doch gerade charakteristisches Kennzeichen des echten Campers zu sein, sich von Leuten wie mir abzugrenzen.

„Hinzu kommen Protagonisten, die faktisch außerhalb dieser lininoiden Nicht-Ordnung stehen, die nicht dazugehören oder nicht dazu gehören wollen, so etwa Durchreisende, die den Campingplatz lediglich als Schlafstelle nutzen und ansonsten nicht am Campingleben teilnehmen. Durch ihr Anderssein bestärken diese Gäste jedoch die Selbstwahrnehmung derjenigen Camper, die sich als sogenannte echte Camper bezeichnen. Sie eignen sich als Maßstab und bieten darüber hinaus Beobachtungs- und Gesprächsstoff.“
(Matthias Badura, Camping als Urlaubsform, 2010)

Nun gut, auch wenn ich mich am Wettrüsten im Kampf mit der Natur beteilige, ich meine Campingunterkunft mobil halte, stets versuche zu jedermann nett und freundlich zu sein und gerne auch mal nichts tue, so werde ich wohl nie ein echter Camper.

Doch liebe Camper, wenn ihr Euch in Zukunft auf den Campingplätzen nicht zu Tode langweilen wollt, betet lieber um Wein und Brot und Camper, die keine echten Camper sind.

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